Impressionen aus Korat - Teil 3

Written by  Montag, 09 April 2018 20:50
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Viele Männer sitzen praktisch den ganzen Tag herum; palavern, saufen, spielen Karten oder organisieren irgendwelche Feierlichkeiten, während ihre Frauen den Haushalt vesorgen, auf dem Markt arbeiten und ihre unzähligen Töchter in den Bier- und GoGo Bars von Pattaya, Phuket oder Bangkok anschaffen gehen. Da man sich eben alles anschaffen will wie Autos, Motorräder, Handys, Fernseher, Stereo-Anlagen, Laptops, iPhones, Video, DVD und Karaoke, sind die Familien nicht selten hoch verschuldet. "Buy now, pay later", so das Motto.

Viele Einwohner leben einfach in den Tag hinein. Sie leben nur für heute, über das Morgen macht sich kaum jemand Gedanken. Mit dieser müßiggängerischen Mentalität muss sich der Farang, ob er will oder nicht, abfinden (obwohl ich zugeben muss, dass sich diese labile Lebenseinstellung zeitweise auch auf meine Person abgefärbt hat). 

Das Einzige, was zu zählen scheint, ist Sanuk, der Spaß eben. Das hat für den Farang Sonnen- sowie Schattenseiten. Besonders des Nachts, wenn so manche ausländischen Ohren aufs Höchste strapaziert werden, während den Feiertagen die ganze Nacht andauernde übermäßig laute Beschallung von den in der Nachbarschaft stattfindenden Festivitäten. Und mehrmals in der Woche, jeweils um Vier Uhr in der Früh sind es die in jedem Dorfbezirk aufgestellten Lautsprecher, aus denen der Bürgermeister wichtige oder auch unwichtige Neuigkeiten verbreitet.

Ebenfalls ungewohnt für fremde Ohren sind krähende Hähne, fauchende und schreiende Katzen sowie kläffende und jaulende Hunde. Besonders die hündischen Vierbeiner erweisen sich schon tagsüber als eine richtige Plage. Die Köter liegen mitten auf den Straßen herum, denken nicht daran, Platz zu machen und verursachen somit des Öfteren Verkehrsunfälle.

Meine einfühlsame Schwägerin Muay lenkt mich von meinen negativen Eindrücken ab, öffnet und überreicht mir eine Dose Singha Draft Bier.

"Siajai. Schade, Tom, tut mir so leid, dass du in drei Tagen wieder in deine alte Heimat zurückfliegen musst. Ich, ­meine ganze Familie und vor allem Chip und Chiang ­werden dich sehr vermissen", seufzt sie.

"Ja, Muay, und ich vermisse Pranom. Trotz allem, was geschehen ist." Dabei habe ich Tränen in meinen Augen und ich muss einen kräftigen Schluck aus der Bierdose nehmen. Nachdem diese leer getrunken ist, zerknülle ich sie. Ich selbst komme mir in diesem Augenblick vor wie diese leere Dose; ausgesoffen und zerdrückt.

Die beiden Töchter sowie Muays Mutter schlafen schon tief und fest, auf den Matratzen unter gespannten Moskitonetzen, im hinteren Teil des Wohnraums. Phom und Krom, meine beiden Schwager sitzen im Schneidersitz vor dem eingeschalteten Fernseher und trinken diesen roten Fusel, den Lao sidäng. Der reinste Sprit. An einer grässlichen Vergiftung von diesem teuflischen Gesöff ist Tiu, der älteste Bruder vor circa vier Jahren gestorben.

Es läuft gerade 'The Bodyguard' mit dem umwerfenden, amüsanten thailändischen Komiker Petchai Wongkamlao; hierzulande vor allem bekannt als Mum. Allein schon seine Mimik spricht für sich. Seine Komik beweist absolute Klasse, wirkt nie einfältig oder aufgesetzt, im Gegensatz zu den vielen saudümmlichen Darstellern in ­den niveaulosen, amerikanischen TV Kasperl Komödien, mit dem ständigen nervtötenden Applaus und Gelächter ab Band im Hintergrund. Typisch: Die Amerikaner pflegen weltweit jedem etwas vorzuschreiben ... sogar dem (dummen) Zuschauer, wann er zu lachen hat!

Ich schaue auf das an einer Wand aufgehängte Bild von Rama V. Chulalongkorn, der Große. Es stammt noch aus dem früheren Mietshaus in Pattaya. Ein Bild, das ich Hunderte Male hier in Thailand gesehen habe und das seit dem ersten Mal eine große Faszination auf mich ausübt. Das immense Charisma dieses Mannes überstrahlt das gesamte siamesische Reich seit fast hundertfünfzig Jahren. Wie ich diesen Monarchen verehre! Der einstige König von Siam, auch von den Einheimischen liebevoll als Roh Ha bezeichnet und den die Thais noch heute vergöttern, hat maßgebend zur Unabhängigkeit seines Landes beigetragen. Er hat das Land vor der Christianisierung bewahrt, die jene vefluchten Kolonialmächte anstrebten, allen voran die Franzosen. Er schaffte auch die Leibeigenschaft ab. Dieser besuchte übrigens im Jahr 1897, genau einhundert Jahre vor dem Ausbruch der Asienkrise die Schweiz.

Muay streichelt tröstend meine rechte Wange, während ich immer noch wie gebannt auf das Bild starre. Plötzlich hält sie mir ein verschlossenes, hellbraunes Kuvert vor die Nase.

"Das Schreiben habe ich vorgestern auf einer entsprechenden Plattform in einem Internetcafé in Nakhon Ratchasima von Thai auf Deutsch übersetzen lassen. Bitte, Tom. Versprich mir, es erst auf deinem Rückflug zu öffnen."

Ich verspreche es und sie übergibt mir das Kuvert. Dann bedanke ich mich bei meiner Schwägerin respektvoll mit einem Wai.

Als der Film fertig ist, stellt Krom die Stereoanlage an und legt eine CD von Jin Tarà ein. Ihre melancholische, tremoloartige und beseelte Stimme fährt mir, wie jedes Mal, wenn ich sie höre, durch Mark und Bein; erfüllt mein Herz mit tiefer Traurigkeit.

Mein Schlummerlied wird untermalt von einlullendem Plätschern des Regens, dem friedlichen Quaken der Frösche und dem lauten Schnauben des Wasserbüffels von draußen.

Schließlich schlafe ich ein.

Drei Tage später sollte ich erneut in so einem verdammten Flugzeug sitzen.

Und in Korath hat es noch geregnet bis zum letzten Tag meines Aufbruchs.

Read 108 times Last modified on Samstag, 14 April 2018 16:01
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